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Kinderarmut

Kleine Anfrage: KA-0678/VIII

BV Paul Schlüter, Linksfraktion

Das Bezirksamt wird um folgende Auskunft gebeten:

  1. Wie definiert das Bezirksamt relative Armut bzw. Armutsgefährdung im Bezirk?
  2. Wie definiert das Bezirksamt relative Kinderarmut bzw. nach welchen Kriterien gelten Kinder und Jugendliche als armutsgefährdet im Bezirk?
  3. Wie viele Familien und Bedarfsgemeinschaften im Bezirk Pankow lebten nach dieser Definition in den Jahren 2011 - 2018 in relativer Armut bzw. waren armutsgefährdet? (Bitte nach Regionen aufschlüsseln.)
  4. Wie viele Kinder und Jugendliche im Alter von 0 - 7, 8 - 13 und 14 - unter 18 sind davon betroffen und wie hoch ist jeweils der Anteil der in alleinerziehenden Haushalten lebenden Kindern und Jugendlichen? (Bitte nach Regionen aufschlüsseln.)
  5. In welchem Verhältnis steht die Anzahl der von relativer Armut und Armutsgefährdung betroffenen Kinder und Jugendlichen zur Gesamtzahl der Kinder und Jugendlichen? (Bitte getrennt nach Regionen und sowohl absolute Zahlen als auch den prozentualen Anteil darstellen.)
  6. Wie viele Kinder und Jugendliche im Alter von 0 - 7, 8 - 13 und 14 - unter 18 lebten in den Jahren 2011 - 2018 in Pankow in Haushalten/Bedarfsgemeinschaften von Bezieher*innen von ALG II, Sozialgeld, Sozialhilfe, Kinderzuschlag? (Bitte nach Regionen aufschlüsseln.)
  7. In welchem Verhältnis steht die Anzahl dieser Kinder und Jugendlichen zur Gesamtzahl der Kinder und Jugendlichen der jeweiligen o.g. Altersgruppe? (Bitte getrennt nach Regionen und sowohl absolute Zahlen als auch den prozentualen Anteil darstellen.)
  8. Wie viele der von ALG II abhängigen Kinder und Jugendlichen der o.g. Altersgruppen lebten den Jahren 2011 - 2018 in alleinerziehenden Haushalten? (Bitte regional aufschlüsseln.)

Antwort des Bezirksamts

Abt. Jugend, Wirtschaft und Soziales

Zu 1.:

Der absolute und der relative Armutsbegriff sind Gegenstand zahlreicher sozialwissenschaftlicher Forschungen. In der Armutsforschung gibt es im Hinblick auf die Armutsdefinition verschiedene und mitunter auch kritisch reflektierte Ansätze.

„Armut wird dabei im Wesentlichen als ein Mangel an Mitteln und Möglichkeiten verstanden, das Leben so zu leben und zu gestalten, wie es in unserer Gesellschaft üblicherweise auf Basis des historisch erreichten Wohlstandsniveaus möglich ist.“1

„Für die Berechnung von Armutsgefährdungsquoten kommen mehrere Datenquellen der amtlichen Statistik in Betracht. Die amtliche Hauptdatenquelle für Armutsquoten in Deutschland ist die Statistik „Leben in Europa“ (EU-SILC). EU-SILC liefert jährlich EU-weit vergleichbare Ergebnisse zu Einkommen, Armut und Lebensbedingungen in den EU-Mitgliedsstaaten. Nach den Ergebnissen von EU-SILC ergab sich für das Erhebungsjahr 2017 bundesweit eine Armutsgefährdungsquote von 16,1 %. Zum Vergleich: Die auf Basis des Mikrozensus berechnete Armutsgefährdungsquote für das aktuelle Berichtsjahr 2018 lag bundesweit bei 15,5 %. Zu beachten ist, dass sich Mikrozensus und EU-SILC sowohl hinsichtlich des zugrundeliegenden Einkommenskonzepts und der Einkommenserfassung als auch hinsichtlich des Stichprobendesigns unterscheiden. Für die Darstellung vergleichbarer Indikatoren auf Ebene der Bundesländer kann EU-SILC nicht verwendet werden, da die Stichprobe nicht groß genug ist, um auch für kleinere Bundesländer die entsprechenden Indikatoren auszuweisen.

Die Grundlage der hier veröffentlichten Armutsgefährdung ist die Armutsgefährdungsschwelle auf Bundesebene (Bundesmedian), die für Bund und Länder einheitlich ist und somit einen regionalen Vergleich ermöglicht. Neben den dargestellten Armutsgefährdungsquoten gemessen am Bundesmedian werden im Rahmen der Sozialberichterstattung der amtlichen Statistik auch Armutsgefährdungsquoten gemessen am Landes- beziehungsweise regionalen Median berechnet. Hierzu wird das mittlere Einkommen (Median) im jeweiligen Bundesland beziehungsweise in der jeweiligen Region herangezogen. Dadurch wird den Unterschieden im Einkommensniveau zwischen den Bundesländern beziehungsweise Regionen Rechnung getragen. Regionale Einkommensunterschiede werden zum Teil durch Unterschiede im Preisniveau (insbesondere im Mietniveau) ausgeglichen. Dies kann dazu führen, dass die Armutsgefährdung gemessen am Bundesmedian in prosperierenden Regionen unterschätzt und andererseits die Armut in Regionen mit einem relativ niedrigen Einkommensniveau überschätzt wird.“2

Diesem weit verbreiteten konzeptionellen Ansatz entsprechend gilt eine Person „nach der EU-Definition für EU-SILC als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 % des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt (Schwellenwert der Armutsgefährdung).“3 Danach bezieht sich Armutsgefährdung nur auf das laufende Einkommen und könnte als relative Einkommensarmut bezeichnet werden. Eventuell vorhandenes Vermögen findet hier keine Berücksichtigung. Auf Grundlage dieser Definition lag die Armutsgefährdungsquote 2018 in Berlin bei 18,2 Prozent.4 Zu einem Herunterbrechen dieser Quote auf den Bezirk liegen derzeit keine Erkenntnisse vor.

Aus diesem Grund bezieht sich das Bezirksamt auf den konzeptionellen Ansatz der individuellen Bedürftigkeit. In seinen folgenden statistischen Darstellungen nimmt es Bezug auf die steuerfinanzierten sozialen Mindestsicherungssysteme im Rahmen der Sicherung des menschenwürdigen Existenzminimums und somit auf verfügbare Daten etwaiger Leistungen der Sozialhilfe (SGB XII) und der Grundsicherung für Arbeitssuchende (SGB II).

Zu 2.:

In der Wissenschaft gibt es auch keine einheitliche und verbindliche Definition von Kinderarmut. Zur Messung von Kinderarmut kommen unterschiedliche methodische Ansätze zur Anwendung. Aufgrund der hier vorhandenen bzw. in der für die Beantwortung einer Kleinen Anfrage zur Verfügung stehenden Zeit ermittelbaren Datenbasis orientiert sich das Bezirksamt im Folgenden an dem politisch-normativen Ansatz. Dieser nimmt Bezug auf das politisch definierte Existenzminimum, dessen Unterschreiten einen Anspruch auf staatliche Unterstützung nach den Büchern SGB II und XII begründet.5

Zu 3.-8.:

Die zu den Fragen 3 bis 8 erbetenen Daten finden sich in der beigefügten tabellarischen Übersicht. Sie lassen sich nicht nach Regionen aufschlüsseln.

Statistische Daten über den Kinderzuschlag werden von der Bundesagentur für Arbeit herausgegeben. Entsprechende Statistiken werden dort nur auf der Ebene von Bundesländern geführt. Eine heruntergebrochene bezirkliche Aufschlüsselung konnte die Bundesagentur nicht zur Verfügung stellen. Von daher können entsprechende Daten hier nicht berücksichtigt werden. Das Verhältnis der Anzahl der Kinder in Bedarfsgemeinschaften nach SGB II zur Gesamtzahl der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahre betrug 2018 berlinweit 28 Prozent. Per 31.12.2018 weist Tabelle 3 (Anlage) für Pankow 11,9 Prozent aus.6

Ergänzend hierzu finden sich umfangreiche statistische Erhebungen einschließlich Kartenmaterial mit Bezug zu Planungsräumen bzw. Bezirksregionen unter folgendem Link:

https://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/monitoring/de/2017/karten.shtml.


In der Darstellung unter dem Link:

https://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/basisdaten_stadtentwicklung/monitoring/download/2017/tab/2.1.IndexInd_Anteile_PLR_MSS2017.pdf


wird der Anteil der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren und nicht die gewünschte Altersklassifizierung betrachtet.

Rona Tietje
Bezirksstadträtin


1 5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung; www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Bericht/Archiv/Der-fuenfte-Bericht/Der-Bericht/der-bericht.html, aufgerufen am 04.11.2019
2 www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/07/PD19_282_634.html, abgerufen am 17.10.2019
3 Die Verwendung des relativen und absoluten Armutsbegriffs, WD 6 – 3000 – 131/16
4 www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/07/PD19_282_634.html;jsessionid=0F9D62A0EEAEA9E7BAE83D9CCD2C7506.internet711, abgerufen am 23.10.2019
5 vgl. Kinderarmut in Deutschland, WD 9 - 3000 – 017/17
6 vgl. Kinderarmut in Berlin – 2018, Drucksache 18/18495 des Abgeordnetenhauses

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