Keine Olympischen Spiele in Berlin und Pankow
Drs. IX-1344
Die BVV Pankow spricht sich gegen eine Bewerbung der Stadt Berlin für die Austragung von olympischen Spielen aus. Das Bezirksamt wird ersucht, alle Zuarbeiten bzw. eigenen Tätigkeiten für eine mögliche Bewerbung für olympische Spiele sofort einzustellen und sich nicht an möglichen Kampagnen oder Planungen des Landes zu beteiligen. Vielmehr soll das Bezirksamt gegenüber der Öffentlichkeit vermitteln, warum eine derartige Bewerbung nicht sinnvoll und zum Beispiel angesichts der desolaten Haushaltslage zwangsläufig abzulehnen ist.
Das Bezirksamt wird ersucht, sich gegenüber dem Berliner Senat sowie allen weiteren beteiligten Akteurinnen und Akteuren dafür einzusetzen, dass Berlin keine Bewerbung für die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele einreicht.
Darüber hinaus wird das Bezirksamt gebeten, sich ausdrücklich dafür einzusetzen, dass Pankower Sportstätten, wie die Max-Schmeling-Halle, der Ludwig-Friedrich-Jahn-Sportpark, das Velodrom nicht als Standorte oder Veranstaltungsflächen für olympische Wettbewerbe oder vorbereitende Maßnahmen in Betracht gezogen wird.
Zudem soll sich das Bezirksamt die Sanierung und den Neubau von Sportstätten für den Breiten-, Vereins-, Freizeit- und Schulsport priorisieren, damit die bestehenden Bedarfe in Pankow dauerhaft und verlässlich gedeckt werden können.
Einreichende: BV Dr. Jaana Stiller, BV Maria Bigos, BV Maximilian Schirmer
Begründung:
Olympische und Paralympische Spiele zählen weltweit zu den kostenintensivsten Großereignissen. Unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass es seit 1992 bei sämtlichen Sommerspielen zu teils erheblichen Kostenüberschreitungen gekommen ist. Die sogenannte Oxford Olympics Study weist durchschnittliche Kostensteigerungen von deutlich über 100 Prozent aus (vgl. Budzier/Flyvbjerg 2024). Selbst die Spiele in Paris 2024, die als vergleichsweise kostensensibel geplant wurden, überschritten die ursprünglichen Kalkulationen erheblich. Der aktuelle Faktencheck der Süddeutsche Zeitung kommt zu dem Ergebnis, dass systematische finanzielle Fehlplanungen bei Olympischen Spielen eher die Regel als die Ausnahme sind (vgl. Kulessa, 2025).
Zwar übernimmt das Internationale Olympische Komitee einen Teil der veranstaltungsbezogenen Kosten über das jeweilige Organisationskomitee. Nicht übernommen werden jedoch wesentliche Ausgaben für Infrastruktur, Sicherheit, Verkehrserschließung sowie Neubau oder Umbau von Sportstätten. Diese Kosten verbleiben regelmäßig bei der öffentlichen Hand. Die Erfahrungen früherer Austragungsorte zeigen, dass dadurch erhebliche Belastungen für kommunale und staatliche Haushalte entstehen, die langfristig wirken und Handlungsspielräume einschränken.
Auch die erhofften wirtschaftlichen Impulse sind nach aktueller Forschung begrenzt. Eine Untersuchung des ifo-Instituts (vgl. Dorn et al 2024) kommt zu dem Schluss, dass sportliche Großereignisse – wenn überhaupt – nur geringe, auf wenige Branchen begrenzte und selten nachhaltige ökonomische Effekte entfalten. Kurzfristige Impulse im Gastgewerbe oder im Baugewerbe führen nicht automatisch zu dauerhaften strukturellen Vorteilen für die Stadtgesellschaft.
Ebenso ist der vielfach behauptete positive Effekt auf den Breiten-, Vereins- und Schulsport empirisch nicht belegt. Studien zu früheren Austragungsorten – unter anderem zu Sydney, Athen und London – zeigen keinen nachhaltigen Anstieg sportlicher Aktivität in der Bevölkerung. Der sogenannte „Trickle-down-Effekt“, wonach Spitzensportveranstaltungen automatisch mehr Menschen zu eigener sportlicher Betätigung motivieren, konnte wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden (vgl. Doerr/Leppert/Maennig 2025).
Für den Bezirk Pankow ergeben sich darüber hinaus konkrete und unmittelbare Fragestellungen.
Unter anderem der Ludwig-Jahn-Sportpark befindet sich in einem umfassenden Umbauprozess. Das Projekt ist bereits jetzt mit erheblichen finanziellen Mitteln, baulichen Eingriffen und gesellschaftlichen Diskussionen verbunden. Eine zusätzliche Einbindung in olympische Planungen würde Zeitdruck, Kostenrisiken und funktionale Anpassungen mit sich bringen, die nicht primär den Bedarfen des Schul- und Vereinssports im Bezirk dienen, sondern internationalen Wettkampfnormen folgen würden. Damit bestünde die Gefahr, dass bezirkliche Interessen und langfristige Nutzungsanforderungen in den Hintergrund treten.
Gleichzeitig steht Pankow vor drängenden sportinfrastrukturellen Herausforderungen. Baukostensteigerungen führen zu Verzögerungen und gestoppten Vorhaben. Sporthallen sind überlastet und teilweise sanierungsbedürftig (vgl. KA-1147/IX). Schulen sowie Sportvereine benötigen verlässlich nutzbare Hallenzeiten, ausreichend dimensionierte Sportflächen und Zugang zu Schwimmstätten. Diese strukturellen Defizite lassen sich nicht durch eine Olympia-Bewerbung beheben. Im Gegenteil besteht das Risiko, dass personelle, planerische und finanzielle Ressourcen gebunden und bestehende Bedarfe zeitlich nachrangig behandelt werden.
Vor dem Hintergrund der angespannten Haushaltslage sowie der vordringlichen Aufgaben im Bildungs, Sport- und Infrastrukturbereich steht eine Bewerbung Berlins um Olympische und Paralympische Spiele in keinem angemessenen Verhältnis zu den bestehenden finanziellen, strukturellen und sozialen Herausforderungen des Landes und der Bezirke. Stattdessen sollte der Fokus auf einer nachhaltigen, inklusiven und bedarfsgerechten Entwicklung der Sportinfrastruktur liegen, die Schüler*innen, Vereinsmitgliedern sowie Freizeitsportler*innen dauerhaft zugutekommt.
Quellen:
- Budzier, A., & Flyvbjerg, B. (2024). The Oxford Olympics Study 2024: Are Cost and Cost Overrun at the Games Coming Down?.
- Doerr, L. M., Leppert, E. B., & Maennig, W. (2025). Olympic Games and democracy. Economic Analysis and Policy, 87, 1073-1091.
- Dorn, F., Hennrich, J., Wohlrabe, K. & Wollmershäuser, T. (2024) Zu den wirtschaftlichen Effekten von sportlichen Großereignissen, ifo Schnelldienst digital, https://www.ifo.de/DocDL/sd-digital-2024-06-dorn-etal-em-olympia.pdf
- Kulessa, D. (03.10.2025). Faktencheck - Was hat Deutschland von Olympia?, Süddeutsche Zeitung, https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/olympia-bewerbung-faktencheck-pro-contra-e104509/?reduced=true
