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Fraktionsreport 01/2026

Obdachlose Familien mit Kindern: Ein System am Limit

BV Maria Bigos

Im April 2025 hat die Linksfraktion im Abgeordnetenhaus zusammen mit den Linksfraktionen in den Bezirken eine koordinierte Anfrage zur Unterbringung von Familien und Kindern in Obdachlosenunterkünften gestellt. Bereits die ersten Antworten aus Pankow zeichneten ein alarmierendes Bild. Das Thema löste ein Presseecho aus; auch der Deutschlandfunk berichtete. Denn Hochrechnungen zu Folge leben rund 15.000 Minderjährige in Berliner Obdachlosenunterkünften. 17 Prozent davon sind Säuglinge und Kleinkinder unter vier Jahren. 

Das ist kein vorübergehendes Phänomen. Die Verweildauer liegt zwischen zwei bis fünf Jahren – in Pankow durchschnittlich bei 38 Monaten. Ein mehrjähriger Aufenthalt steht zum einen im Widerspruch zum ursprünglichen, kurzzeitigen Sinn des Allgemeinen Gesetzes zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in Berlin (ASOG), nach dem wohnungslose Menschen untergebracht werden. Zum anderen steht er den Anforderungen an das Kindeswohl entgegen. 

In den Obdachlosenunterkünften gibt es keine Kinderschutzkonzepte und auch kein spezifisch für Familien mit Kindern und Jugendlichen bereitgestelltes pädagogisches Personal. Beides ist nämlich nicht zwingend vorgeschrieben. Aufgrund der gemischten Unterbringung auf engstem Raum kommt es zu Nutzerkonflikten mit anderen Personengruppen, die oft mit psychosozialen Problemen oder Sucht kämpfen – und für die es in den mehrheitlich privatwirtschaftlich betriebenen Unterkünften ebenfalls zu wenig Unterstützung und Platz gibt.

Durchschnittlich verfügen nur etwa 15 Prozent der Unterkünfte über fest angestellte Sozialarbeitende. Denn auch die sind nicht verpflichtend. In Pankow sind nur an sieben von 25 Standorten Sozialarbeiter*innen und -pädagog*innen tätig. In den 18 weiteren Einrichtungen versuchen sich die weiteren Mitarbeitenden bestmöglich in der sozialen Beratung. Darüber hinaus haben die Betroffenen eine Ansprechperson in der Sozialen Wohnhilfe. Pankow verfügt auch über eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Jugendamt und dem Sozialamt. Dennoch erhält ein erheblicher Teil der sehr prekär lebenden Familien keine direkte Unterstützung vor Ort und bleibt in den Unterkünften weitgehend auf sich allein gestellt; denn es mangelt an Plätzen, Personal und bedarfsgerechter Ausstattung.

Wer das Kindeswohl ernst nimmt, muss die strukturellen Defizite der Obdachlosenunterbringung entschlossen angehen. Tragfähige Lösungen liegen seit Jahren auf dem Tisch, werden aber nicht umgesetzt. Der Senat lässt die Bezirke und die Betroffenen im Stich. Fehlender und vor allem passender Mietwohnraum ist ein Hauptgrund für diese Situation, aber mit Wohnungen allein wird es nicht getan sein. Wenn die wesentlichen Ursachen für Obdachlosigkeit fortbestehen und soziale Angebote weiter eingespart werden, wird sich die Situation weiter verschärfen. 

Unterbringung muss endlich neu gedacht und zielgruppenspezifisch ausgebaut werden. Sammelunterkünfte werden den unterschiedlichen Bedarfen der Betroffenen nicht gerecht – das müssen wir ändern. Familien und andere vulnerable Gruppen müssen dabei stärker berücksichtigt werden. Die bezirkliche Kinderschutzkoordination muss personell verstärkt werden, und wir brauchen berlinweite, einheitliche Standards für die Zusammenarbeit zwischen Wohnungslosenhilfe und Jugendämtern. Kinderschutzkonzepte müssen flächendeckend erstellt, regelmäßig kontrolliert und bei Nichteinhaltung konsequent sanktioniert werden.

Wir wollen außerdem mehr betreutes Wohnen für Jugendliche oder Jugendwohngruppen und Jugendwohngemeinschaften – und nicht weniger. Denn eine bislang völlig unberücksichtigte Betroffenengruppe sind junge Volljährige bis 21, die eigentlich noch im Jugendhilfesystem sein müssten, aber dort aufgrund von Haushaltslöchern zu oft nicht ankommen oder durch Haushaltskürzungen mit Erreichen der Volljährigkeit frühzeitig aus stationären Jugendhilfeeinrichtungen entlassen werden. Die Zahl der Kinder, Jugendlichen und auch jungen Volljährigen in Obdachlosenunterkünften wird weiter ansteigen, wenn nicht endlich gehandelt wird. 

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